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| Der Conti Top Touring 2000 (ProVelo 47 12/96 S.22ff.) |
Aufbau
Der Reifen besteht aus einer dünnen 2-lagigen Karkasse
die in der Mitte dreischichtig übereinander liegt [1].
Darauf befinden sich noch 2 Gürtellagen
als Pannenschutz. Als Seitenwand wird eine Skinwallkonstruktion verwendet.
Gegenüber den 3 Top Touring Vorgängern (SK, WW, SW, Skinwall,
Weißwand, Schwarzwand) hat sich die Lauffläche vom breiten Mittelsteg
mit seitlichem, symmetrischen Profil zu einem Profil im beliebten Tannenbaum-design
gewandelt. Damit ergibt sich jetzt die Möglichkeit den Reifen laufrichtungsgebunden
zu Montieren, was auch auf der Seitenwand vermerkt ist. Zusätzlich
ist die Lauffläche etwas breiter geworden, wohl um die Seitenwände
besser vor Stichverletzungen zu schützen.
Montage
Das Wechseln des Reifens gestaltet sich wie bei dem Vorgänger.
Auf Hohlkammerfelgen mit flachem Felgenbett kann man den Reifen noch knapp
mit den Händen aufziehen. Das Demontieren funktioniert nur mit Montagehebeln.
Wer vorher die alte Skinnwall-Variante montiert hatte und einen Seitendynamo
sein eigen nennt, muß diesen wegen der breiteren Lauffläche
ein paar mm tiefer befestigen.
Fahreigenschaften
Fahrtechnisch war ich gespannt, ob sich der Reifen stark von
seinem Vorgänger unterscheidet. Also das alte
Skinnwall-Modell runter und den Neuen in der richtigen Laufrichtung montiert.
Erster Eindruck: unauffällig. Kein Wegrutschen bei den typischen Großstadtartistikeinlagen
zum Ausweichen mobiler Hindernisse oder Abbremsen bei Nässe. Der Vorgänger
war da kritischer. Veränderungen im Fahrverhalten durch das neue Profil
konnnten nicht festgestellt werden. Dafür fing der Seitendynamo (AXA
HR) bei Nässe an zu rutschen.
Pannensicherheit
Hier wurde ein Dorn-Test verwendet, der die Anfälligkeit
für reine Stichverletzungen aufzeigt. Als technischer Dorn kam eine
gehärtete und verchromte Stahlnadel mit 1,20 mm Durchmesser zum Einsatz,
mit der an 4 Stellen die Kraft gemessen wurde, die zum Durchdringen des
Reifens notwendig war. TT skin 18 N - TT 2000 21 N Ergebnis: dornige Gegenstände
werden durch die 2. Schutzeinlage kaum besser am Eindringen gehindert als
bei dem Skinwall-Vorgänger. Dorne schneiden sich nicht aktiv durch
die Einlage, sondern schieben die Fäden zur Seite, um sich einen Weg
zum Schlauch zu bahnen. Ein Pannenschutz, der nadelähnliche Gegenstände
nachhaltiger am Eindringen hindern will, müßte entweder die
Bewegungsrichtung des Eindringlings verschlungener machen oder diesen z.
B. auf eine wannenartige und geschlossene Oberfläche zentrieren, die
dem Objekt möglichst lange Widerstand leistet. Vielleicht nach Art
eines Gewebes aus winzigen Metallscheiben.
Ein Meißeltest wie in [2], der Aussagen zu der
Schnittempfindlichkeit gegenüber Fremdkörpern wie Scherben erlaubt,
konnte mangels entsprechender Einrichtungen noch nicht durchgeführt
werden. Dieser Prüfpunkt wird evtl. zu einem späteren Zeitpunkt
noch nachgeholt. Bei Aussagen zu dieser Art von Pannensicherheit bleibt
im Moment nur die Werbeaussage von Conti "Absolut pannensicher".
Das ist natürlich ärgerlich, da gerade dieser Punkt die herausragende
Eigenschaft des Conti TT 2000 darstellen soll.
Als dritte Pannenquelle macht sich auch noch manchmal die Seitenwand durch
langsam entstehende Riße bemerkbar. Ein Grund sind Durchschläge
von überfahrenen Hindernissen bis auf die Felge. Wer mit einem 32
mm Skinwall-Reifen und viel Einkauf häufig Bordsteine zu meistern
hat, kann bald zu (De-) Montierhebeln greifen. Auch viele leichte Durchschläge,
die sich nicht sofort bemerkbar machen, schwächen die Karkasse. Wahrscheinlich
war das der Grund, warum viele Fahrradhändler von dem alten Skinwallreifen
wegen Karkassenproblemen abgeraten hatten. Dabei genügt ein simpler
Trick gegen diese Art von Pannen-Gau. Einfach die nächstgrößere
Breite aufzuziehen, so daß Durchschläge sicher vermieden werden
und möglichst mit ausreichend Druck fahren. Bei Ausweichmanövern
die via Reifen eine Hohlkammerfelge verbiegen, nutzt das dann allerdings
auch nichts. Das ist mir einmal passiert.
Manchmal ist auch die Felge zu schmal und die Reifenflanken werden
auf einer sehr kleinen Fläche gewalkt.[12]
Laufleistung
Hier liegen nur die Erfahrungen von den alten TT Modellen vor.
Bekannte und Leute aus der Fahrradkurierszene Berlin berichten von 20.000
- 25.000 km am Vorderrad und 8.000 - 20.000 km am Hinterrad.
Leichtlaufreifen ?
Eine Fragestellung war natürlich, wie gut der Reifen im
Vergleich zu seinem Vorgänger rollt. Mit dem alten TT Skinwall Modell
hatte Conti ja schon einen deutlichen Cr-Vorsprung gegenüber anderen
pannenarmen Tourenreifen erreicht [3]. Um so mehr überraschte
dann der doch ausgesprochen große
Rollwiderstand des neuen Reifens, was nur als Zugeständnis an die
zusätzliche Pannensicherheit verstanden werden kann. Siehe auch [4].
Die Messung des Rollwiderstandes wurde mit Hilfe der Ausrollmethode auf
einem glatten Kunstoffboden und Betonunterbau an der TU Berlin durchgeführt.
Da ein neukonstruiertes Meßdreirad mit T-Rahmen nicht rechtzeitig
fertig geworden ist, blieb nur die Messung mit einem Reiserad, dessen CwA
aus älteren Messungen bekannt war. Der Meßablauf gestaltete
sich dabei wie folgt. Nach Bestimmen von statischen Parametern wie Lastverteilung,
Gesamtmasse, reduzierten Massen, Umfang des Meßrades (=Vorderrad)
unter Last wurde das Hinterrad mit dem zu testenden Reifen per Standpumpe
und integ. Manometer auf Meßdruck gebracht. Mit einer halben Kurbelumdrehung
wurde immer von derselben Stelle gestartet und sofort die Ausrollposition
eingenommen. Der Geschwindigkeitsbereich lag dabei zwischen 8-3 km/h, also
in einem Bereich wo sich der Rollwiderstandsbeiwert Cr nur wenig ändert
[5]. Um Fehler durch Höhenunterschiede in der Meßstrecke
auszugleichen wurden die Messungen in 2 Richtungen durchgeführt. Die
Auswertung erfolgte über die Einzelenergien abzüglich Luftwiderstand
und Anteil des Vorderrades. Die Werte entsprechen den Rohdaten, sind also
nicht weiter geglättet. Es folgen noch die Ausrolldaten:
| Reifen | Größe | Felge | Schlauch | Druck | Last | |
| VR | Conti TT sk | 32-622 | Mavic 3 CD | Schwalbe Butyl Nr.17 28/47-622/630 SV |
5 Bar 500 kPa |
39 kg 382 N |
| HR | Conti TT sk Conti TT 2000 |
37-622 | Mavic 3 CD | Conti Hermetic S 37/47-622 SV |
1-6 Bar 100-600 kPa |
52 kg 510 N |
Kleine Reifen
Hier tut sich auch Conti schwer, neues vorzuweisen. Im Bereich
559 (MTB) werden als Top Touring 2000 nur die üblichen Größen
in 47 und 50 mm angeboten. Das beflügelt nun nicht gerade den Markt
für cityähnliche Fahrräder.
Im Bereich 406 sieht es da noch trüber aus. Gerade mal eine Größe
(neben einem Grand Prix in 28-406) wird angeboten. Daß nicht nur
Liegeradhersteller auf ernstzunehmende Reifen in diesem Bereich warten,
hat zumindest einen Grund. Je kleiner der Reifen ist, desto mehr Gestaltungsspielraum
hat man bei der Rahmenkonstruktion. Sei es nun die Integration von Federungen
oder einfach nur ein besonders tiefer Durchstieg. Die Befürchtung,
auf den kleinen Reifen sitzen zu bleiben, kann man ja dadurch umgehen,
daß die Reifen auch an anderen Fahrzeugen verwendet werden können.
Siehe Conti AVENUE, der inzwischen als Motorradreifen in 17" (432)
angeboten wird, wobei allerdings nur der Name weiterverwendet wurde.
Beim "La Luna"-Prototyp von SCHAUFF hatte man den Spieß einfach umgedreht
und einen Semi-Slick von Vredestein montiert, der aufgrund seiner Größenbezeichnung
von 2 1/2-16 (64-406 ETRTO) sich als Reifen aus dem Motorbereich outet [6].
Dieser wurde jedoch beim Serienmodell durch einen Fahrradreifen der Größe 58-406 ersetzt.
Technische Daten
Der Conti Top Touring 2000 ist in folgenden Größen
erhältlich:
| 37-406 | 47/50-559 | 37-590 | 28/32/37/47-622 | 32-630 |
Entsorgung
Hier fehlen die Hinweise, wohin mit dem Altreifen.
Andere Hersteller wie z. B. Schwalbe sind da schon einen Schritt
weiter und weisen in der Werbung auf eine Rücknahme beim Fahrradhändler gegen eine
geringe Gebühr (2,50 DM) hin. Sicherlich sinnvoller, als den alten
Schlappen in die Mülltonne zu stecken oder ewig im Keller zu lagern.
(müßte ich auch mal nachschauen). Wenn man beim Kauf des
Reifens fragt, ob der alte Reifen zurückgenommen wird, ist es meistens gratis.
So zumindest die Auskunft von Bekannten die in Radläden arbeiten.
Alternativ sollte man die Gummis auch bei jedem Reifenhändler loswerden.
Fazit
Conti hat sich mit dem neuen Top Touring zugunsten mehr Pannensicherheit
entschieden. Die Zusage der absoluten Pannensicherheit konnte allerdings
meßtechnisch nicht überprüft werden. Auch ein Praxistest
liefert hier keine Hinweise, da in der Kürze der Zeit nur ca. 1200
km auf den neuen Reifen gefahren wurden. Pannen bei besseren Tourenreifen
(auch der Vorgänger) stellen sich im Mittel aber erst nach 5-Stelligen
Kilometerleistungen ein. Wobei Einzelerfahrungen ohnehin wenig aussagekräftig
sind. Wenn die Pannenaussagen von Conti zutreffen wäre der Reifen
etwas für Leute, die wartungsfreie Bereifung suchen. Nach dem Motto
Montieren und Vergessen. Für diese Eigenschaft muß man dann
auch den höheren Rollwiderstand in Kauf nehmen.
Das Prädikat Leichtlauf ist angesichts der hohen Cr-Werte also doch
nur ein PR-Gag. Bleibt die Frage, ob ein verbesserter Pannenschutz von
vielleicht 30 % einen um
Watt (P= Cr*m*g*v 90 kg, 25 km/h) höheren Leistungsverbrauch aufwiegt.
Leistungsunterschiede die im Bereich von Seitendynamos liegen, machen sich
beim Fahren durchaus bemerkbar. Es ist auch nicht klar, warum Conti die
durch den niedrigen Cr-Wert geschaffene Marktlücke bei Tourenreifen
einfach aufgiebt. Ob die Schwalbe Marathon-Philosophie, Einheits-schwarz,
etwas mehr Pannenschutz und (meist unbekannt) hoher Rollwiderstand größere
Umsätze beschert? In dieser Sparte gibt es schon etliche Hersteller.
Leider hat man jetzt auch nicht mehr die Wahl zwischen alt und neu, da
der alte Skinnwall-Reifen aus dem Programm genommen wurde. Vielleicht taucht
dieser ja als einer der ersten schlauchlosen Reifen wieder auf, da Conti
angeblich Fahrradreifen für Rigidas trickreiches Felgenband mit einvulkanisierten
Ventil herstellen will [7] [8] [9]
[10] [11]. Der Cr-Wert würde
sich dann um 20-40% verringern, und angeblich braucht man dann zum Flicken
den Reifen nicht mehr abzunehmen.
Zusammenfassend scheint der Top Touring 2000 das Produkt eines Marktes
zu sein, in dem Reifen mangels Tests nur nach der Werbung oder Mund zu
Mund Propaganda gekauft werden. Gäbe es vollständige, reproduzierbare
Tests, in denen der Pannenschutz, Rollwiderstand, die Laufleistung auf
einer Verschleißwalze, Haftreibungen und Luftwiderstand in Zahlen
gefaßt wären, hätte man eine echte Chance seinen Wunschreifen
auszusuchen. Wenn dann klar wäre, daß eine Neuentwicklung in
den gewünschten Disziplinen Bestleistungen bietet, wären zukünftige
Käufer auch bereit mehr Geld dafür auszugeben. Und damit schließt
sich der Kreis zwischen Budget für Weiterentwicklungen und Absatz.
R. Sch"upferling
Orig. 9/95 Stand
3/2002
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