
Wenn man nach den Fahreigenschaften von 70'er Jahre Klapprädern
fragt, bekommt man praktisch immer nur eine Sorte Antwort
[1]
[2]
[3].
Per Zufall lief mir in Köln jemand mit so einem Rad im geklappten Zustand
über den Weg, der mit der Bahn zur Intercycle gekommen war.
Da auf Nachfrage keine Flüche über grausige Fahreigenschaften zu hören waren,
war mein Interesse geweckt. Sollte der negativ- Mythos am Ente gar selbige sein?
40 mm Klapprad- Einrohrrahmen und Duomatic-Hinterrad wurden von einem Bekannten organisiert.
Die am Ausfallende plattgepreßten Ketten- und Sattelstreben wecken
alle möglichen Erinnerungen an längst dahingeschiedene Kaufhausräder.
Lager und Gelenke sind weitgehend fettfrei und geben mal wieder Gelegenheit
zum Schrauben á la Christian Khutz.
VR-Bremse ist vorhanden.
Als Vorderes Schutzblech wurde ein langes Kinder MTB Steckblech montiert, das
durch Klapperfreiheit und gute Elastizität dem Original um Längen
voraus eilt. Man kann das geklappte Rad dann auch auf das Schutzblech stellen
ohne was zu verbiegen.
Da die Originalreifen sich schon im Stadium der Auflösung
befanden, wurden Stilecht neue einfache Reifen montiert. Die Wahl fiel
dabei auf den preiswerten Marathon- Vorgänger Schwalbe HS159 mit schwarzer
Karkasse. In der Größe 47-406 rollt der auch noch besser als
sein Nachfolger in 32-622 [4].
Klappräder rollen schlecht? Falträder / Liegeräder mit schmaler
Hochdruckbereifung noch schlechter [4]. Der Rollwiderstand hängt im
allgemeinen von der Laufradgröße, dem verwendeten Reifen und
Schlauch ab. Da bei Fahrrädern keine bestimmten Reifentypen vorgeschrieben
sind, kann man sich ein Modell mit geringem Rollwiderstand besorgen.
Beim Klapprad gelten dieselben Gesetzmäßigkeiten wie bei Standardrädern.
Der Abstand Sattel-Pedale muß stimmen, ebenso wie die Sattellage
und die Reichweite zum Lenker. Richtig eingstellt kann man sich über die Performance nur wundern.
Die Drehmomenteinbußen durch die kurzen Kurbeln macht der breiter
nutzbare Drehzahlbereich teilweise wett.
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Mit dem butterweichen Rahmen kann man sich für mittlere Strecken arrangieren.
Der Mertens Plastiksattel nach dem Hängemattenprinzip federt erstaunlich
gut, zeigt aber inzwischen erste kurze Risse. Die Stahl-Sattelkerze mit
25,8 mm Ø neigt sich bei ausgezogenen 230 mm auch langsam dem Ende, sprich
Gepäckträger zu. Muß also alle 3-5 Monate um 180° gedreht
werden.
Die montierte leider nur fünf, dann verlangte ein Riß nach
dem Schweißgerät. Die Sattelkerze blieb danach unerwartet formstabil,
wurde aber inzwischen durch ein längeres Modell ersetzt. Ein alter
Union Seitendynamo lief Anfangs auch noch bei Regen mit, war beim Wechsel
jedoch soweit ausgeleiert, daß der Magnet schon munter quitschte.
Nach 1500 km weckte das Innenlager durch knurpselige Geräusche
das Interesse. Grund, die Kugeln in der linken Lagerschale waren ihrem
Käfig entflohen und liefen gemeinsam mit den Käfigbestandteilen
um die Wette. Die frisch montierte Trumpf Kette zum drittel Preis und achtel
Qualität fällt unangenehm auf. 1 gebrochenes Kettenschloß
und 3 zerbröckelte Rollen nach 1000 km sind eigentlich nicht normal.
Oder? Der Verschleiß der Hülsen (Längung) ist dagegen ok.
sieht man hauptsächlich Rentner, die sich mit den Fahrzeugen streng
an die Geschwindigkeitsbegrenzung von Tempo 15 - Zonen halten. Daß
das Fahrzeug durch ein paar Handgriffe in 2 Min. auf Taschenformat schrumpft,
scheint weitgehend vergessen. Dabei ist das Rad im geklappten Zustand ausbalanciert
(Zufall?) und läßt sich mit dem Hauptrohr als Griff tragen.
Macht nach 200 m allerdings enorm lange Arme.
36 Speichen im Hinterrad
mit Duomatic und einer einfachen Stahlfelge (26 mm innen) sind die Zutaten,
die auch nach dem 100'ten Bordsteindurchschlag keine Schwäche zeigen.
Der Speichenschlüssel ist hier arbeitslos. Auch die gut gerundeten
Felgenhörner sowie eine fehlende Hohlkammer scheinen der elastische
Grund zu sein, daß Snakebites oder Schäden an der Karkasse nicht
vorkommen. Ein Detail das bei stabilen Alu-Hornhakenfelgen in 406 Ärger
macht. Bei 3 Bar ist jedoch ohne Haken Schluß.
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Werden die Drücke
höher, sitzt entweder der Reifen perfekt oder springt von der Felge.
Im Kopfsteinpflastereinsatz zeigt sich das Rad von seiner Besten Seite.
Der Federungskomfort [5] ließ sich durch ein zum Vergleich herangezogenes
Fully nur noch wenig verbessern. Anders am Berg. Ohne Schaltung oder mit
nur 2 Gängen hat man ziemlich zu kämpfen. In Berlin kein Thema,
in härteren Gegenden ist hier Nachrüsten angesagt. Fehlt eigentlich
nur noch der Radurlaub durch die Alpen - mit Schaltung.
Gewicht 15,0 kg
Reifen 47-406 (U=1,54 m)
Nabe Sachs Duomatic 2-Gang
Ritzel 16 Z. KR 44 Z.
(3-Gang) Hülsenkette 90 Gl.
Entfaltung 4,23 / 5,75 m
Alle Lager ungedichtet
Keiltretlager, 150 mm Kurbeln
Schutzbleche, Gepäckträger
Standard Beleuchtung
Mertens Plastiksattel
Hoher Stahl-Tourenlenker
Farbe Hell-orange
Packmaß 82x74x37 cm
Preis gebraucht 50-120,-DM
Mit langer 35 mm verzinkter Sattelkerze, 4-Kant Innenlager, 3-Gang
Schaltung und neuer(?) Optik wäre das Teil ein prima Einstieg in die
Kombinaton aus Fahrrad und öffentlicher Nah-/Fernverkehr. Was das
Image betrifft, so ließe sich dieses durch Straßen- oder Downhillrennen
mit Sicherheit gewaltig verbessern. Spaß incl.
3000 km mit dem Rad und diverse Klappvorgänge geben schon einen
guten Einblick mit was für einem Fahrzeug man es zu tun hat. Der Fahrkomfort [5]
incl. Federungseigenschaften ist sehr gut. Die Haltbarkeit von Rahmen
und Laufrädern enorm. Von Sattel und Kette leider (noch) nicht. Für
die Fahrt zum Bahnhof / Bus oder Mfg. reichts immer. Wenn man bedenkt,
daß in den 70'ern fast jeder Haushalt ein oder mehrere Klappräder
besaß - das erste Wochenendtiket (15,-) hätte Völkerwanderungen
ausgelöst.
R. Sch"upferling
Literatur
[1] H. Boetius, So zärtlich ist der Sattel, ProVelo21 2/90 S.25
[2] A. Herrestal, Techische Veränderungen am Fahrrad bis 1980, ProVelo46 3/96 S.21
[3] G. Fehlau, Das Modul-Bike, Delius Klasing 1997 S.32f,127
[4] T. Senkel, Plädoyer für einen guten Reifen, ProVelo32 1/93 S.15
[5] R. Kühnen, Weichteile, welche Bauteile des Fahrrades bestimmen den Fahrkomfort Reifen/ Rahmen/ aktive Federung, Tour 2/99 S.24ff.
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